Mar 112015
 

(L’interview qui suit a paru dans le Tageblatt du 23 février 2015. Les propos ont été recueillis par Luc Laboulle.)

notAcouchTageblatt: Das Parlament wird über ein neues Gesetz abstimmen das den Beruf des Psychotherapeuten etabliert und gleichzeitig auch regulieren und besser schützen soll. Braucht Luxemburg eine solche Regelung?

Jean-Claude Schotte: In den Medien wurde in den letzten Monaten viel Panik verbreitet. Es wurde von Scharlatanen gesprochen, die Geld ergaunern wollten. Die Gesundheitsministerin hat sogar noch einen drauf gesetzt, als sie vor zwei Monaten im Fernsehen behauptete, ohne Reglementierung würden die Scharlatane aus dem Ausland nach Luxemburg kommen. Doch ich frage mich, wo die Zahlen sind, die dies belegen? Wo sind die Studien, die beweisen, dass es so viele gefährliche Scharlatane gibt? Die einzige Organisation, die über Zahlen verfügt, ist die “Patientevertriedung“, die zwei bis drei Beschwerden pro Jahr zählt. Das ist sehr viel weniger als die Beschwerden über Ärzte, deren Beruf gesetzlich reglementiert ist.

Tageblatt: Wie ist die Situation in anderen europäischen Ländern?

Schotte: 16 der 28 EU-Mitgliedsstaaten haben keine gesetzliche Regelung für Psychotherapeuten. Dies bedeutet, dass es in diesen Ländern eine Vielzahl von Formen, Praktiken und Theorien gibt. Das nennt man Pluralismus.
In den zwölf anderen Ländern gibt es Reglementierungen. Doch sogar in Deutschland, das die strengste Regelung besitzt, bleibt der Pluralismus gewährleistet. Paragraf 13 der Psychotherapie-Richtlinie von 1999 besagt, dass mehrere Psychotherapieverfahren anerkannt werden. Einerseits psychoanalytisch begründete Verfahren und andererseits die Verhaltenstherapie. 2009 wurde die Richtlinie noch einmal begutachtet und es wurde. beschlossen, dass dieser Pluralismus unbedingt beibehalten werden muss, um der Nachfrage und den unterschiedlichen psychischen Problemen gerecht zu werden. Andere Länder wie Österreich sind liberaler, dort sind um die 20 Therapieformen gesetzlich anerkannt.

Tageblatt: Was stört Sie an dem Luxemburgischen Gesetzesprojekt?

Schotte: Das neue Gesetz sieht vor, dass man von seiner Grundausbildung her entweder Psychologe oder Arzt sein muss. Anschließend muss man eine Ausbildung in Psychotherapie machen. Jeder, der die Psychotherapie-Ausbildung der Uni Luxemburg abschließt, wird automatisch als Psychotherapeut vom Gesetz anerkannt. Das Gesetz bevorteilt demnach unmittelbar die Uni Luxemburg, deren Fachbereich Psychologie ja nur existieren kann, wenn ausreichend Studenten eingeschrieben sind. Psychotherapeuten, die ihre Ausbildung in einem anderen Land machen, müssen ihr Diplom vom Ministerium anerkennen lassen. Die Voraussetzung für diese Anerkennung ist, dass der Kandidat eine Grundausbildung in Psychologie oder Medizin hat. Die meisten Psychotherapie-Ausbildungen im Ausland setzen aber kein Psychologie oder Medizinstudium voraus. Zudem finden Psychotherapie-Ausbildungen mehrheitlich nicht an Unis statt. Alleine in Deutschland gibt es 173 Ausbildungsinstitute für Psychotherapeuten, davon sind rund 140 außerhalb der Universitäten.

Tageblatt: Welche Folgen hätte diese Regelung in der Praxis?

Schotte: Wir befürchten, dass es nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes so sein wird, dass sich nur noch Psychotherapeut nennen darf, wer an der Uni Luxemburg ausgebildet wurde. Und was passiert mit allen anderen? Im Gegensatz zu einigen Professoren der Uni denken wir, dass Historiker, Philosophen, Soziologen, Literaturwissenschaftler und andere Geisteswissenschaftler ebenfalls über eine geeignete Grundlage verfügen, um eine psychotherapeutische Ausbildung zu beginnen. Genau das wurde 1990 explizit in der “Déclaration de Strasbourg” festgehalten, die vom Europarat in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation und der ,,Association europeenne de psychotherapie” erstellt und von 41 europäischen Staaten unterzeichnet wurde. Unter Punkt 1 heißt es dort: “La psychothérapie est une discipline spécifique, du domaine des sciences humaines, dont l’exercice représente une profession libre et autonome.” In Luxemburg wird jetzt behauptet, nur die Psychologen wüssten, wie der Mensch funktioniert. Diese Behauptung ist ungeheuerlich und dazu noch unrealistisch. Sie zielt nur darauf ab, die korporatistische Macht mancher Personen zu verteidigen, insbesondere jener, die an der Uni sind. Das neue Gesetz wird uns in einer juristischen Unsicherheit zurücklassen. Es wird den Psychoanalytikern die Arbeit ungemein erschweren. Früher oder später wird einer von uns vor Gericht verklagt werden, weil wir den Beruf des Psychotherapeuten laut luxemburgischem Recht illegal ausüben. Und das nur, weil im neuen Gesetz an einer monopolistischen und exklusiven Definition des Psychotherapeuten im Dienst der Uni Luxemburg festgehalten wurde.

Tageblatt: Wie geht die Ausbildung zum Psychoanalytiker vonstatten?

Schotte: Ich zum Beispiel habe Philosophie und Linguistik studiert. Ich habe mich schon immer für die Arbeit mit Menschen mit psychischen Problemen interessiert. Ich habe Seminare zu diesem Thema besucht und auch eine spezifische psychoanalytische Ausbildung absolviert. Das Wichtigste dabei ist die persönliche Analyse. Man kann nur Psychoanalytiker werden, wenn man sich einer psychoanalytischen Untersuchung unterzieht; um sich selber kennen zu lernen. Hinzu kommen eine theoretische Ausbildung und eine praktische mit konkreten Fallbeispielen. Abschließend muss man dann noch eine Ausbildung im Feld machen. Der größte Unterschied ist aber die persönliche Analyse, die in der Ausbildung bei anderen Psychotherapieformen nicht gefragt wird.

Tageblatt: Wie arbeiten Psychoanalytiker?

Schotte: Wir arbeiten nicht nur mit Leuten, die gewöhnliche Probleme haben, sondern behandeln auch Menschen mit schweren psychopathologischen Störungen. Manchmal kommen diese Probleme erst nach mehreren Sitzungen zum Vorschein. Das Verhältnis zwischen psychischer Erkrankung und Gesundheit ist dynamisch. Es gibt keine Normen, um beide ein für allemal voneinander zu trennen.

Machen wir Psychotherapie? Das hängt davon ab, was man unter dem Begriff versteht. Wir erwarten von den Menschen, dass sie frei reden. Bei uns dürfen sie alles sagen, auch Dinge, die vielleicht in der Familie oder Gesellschaft unangebracht wären. Natürlich gibt es innere Zwänge, doch die gilt es, gemeinsam zu erkunden. Wir regeln nicht im Vorfeld, was gesagt wird, mir um den Forderungen der öffentlichen Gesundheitsbehörde Rechnung zu tragen. Die möchte nämlich wissen, wie lange die Therapie dauern wird, weil sie die Kosten berechnen will. Doch so funktionieren wir nicht. Genauso wenig können wir uns nach einem diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen wie dem DSM oder der ICD richten.

Aus diesem Grund verlangen wir auch nicht, dass unsere Dienste von der Gesundheitskasse bezahlt werden. Wir wollen dieser administrativen Logik nicht folgen. Wenn die Leute reden, sagen wir nicht, der oder der leidet an dieser oder jener Störung und das muss man tun, um diese Störung zu beheben. Es ist an der Person selbst, zu bestimmen, wo sie hingehen möchte. Wir helfen ihr lediglich dabei.

Wenn Psychotherapie aber bedeutet, am laufenden Band Diagnosen zu erstellen und danach sofort die passenden Strategien parat zu haben, dann machen wir keine Psychotherapie. Wir haben nichts dagegen, dass jemand auf diese Weise arbeitet, aber es stört uns, dass der Gesetzgeber und die Uniprofessoren ein einziges Psychotherapieverfahren fördern wollen und damit die Psychoanalyse indirekt eliminieren.

Tageblatt: Wenn der Beruf des Psychotherapeuten nicht gesetzlich geschützt ist, woher weiß der Patient dann, an wen er sich wenden soll und wem er vertrauen kann?

Schotte: Es gibt Menschen, die kommen zu mir und wissen schon nach ein, zwei Sitzungen, dass sie nicht mit einem Psychoanalytiker arbeiten wollen. Das ist in Ordnung. Es gibt auch noch andere Therapieformen, man braucht nur im Telefonbuch zu suchen und wird etwas finden. Andere kommen extra zu mir, weil sie auf keinen Fall eine behavioristische oder kognitive Verhaltenstherapie machen wollen. So sieht die Realität aus. Man kann auch beide Therapien parallel machen, auch das ist in Ordnung, wenn es dem Betroffenen hilft. Doch niemand hat das Recht zu sagen, das was er mache, sei wissenschaftlich begründet und alles andere nicht. Das ist nicht seriös und hilft den Menschen nicht weiter

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