Wissenschaftliche Gesundheit

La redéfinition actuelle de la maladie entraîne […] « une transition du corps physique vers un corps fiscal ». En effet, les critères sélectionnés qui classent tel ou tel cas comme passible de soins clinico-médicaux sont en nombre croissant des paramètres financiers.1

2001 schon warnte die Weltgesundheitsorganisation (WGO) in Zusammenarbeit mit der Oxford University und der Weltbank, dass 25% der Weltbevölkerung, also jeder vierte Erdenbewohner, Probleme mit der geistigen Gesundheit habe. Tendenz steigend.

Dass diese erschreckende Prävalenz der Geisteskrankheiten – oder politisch korrekter: der geistigen Störungen – irgendwie in Verbindung mit sozioökonomischen Faktoren und Katastrophen steht, wird zwar im Weltbericht erwähnt aber nicht weiter kommentiert. Nicht kommentiert und nicht einmal erwähnt wird die vielleicht auch nicht nebensächliche Tatsache, dass seit 1952 ganze 413 „psychischen Störungen“ hinzugekommen sind.

Hatten ein Psychiater oder ein Psychologe vor 60 Jahren die Möglichkeit eine Person auf 128 Weisen als „krank“ oder „gestört“ einzustufen, so haben dieselben seit 2013 beeindruckende 541 mögliche Diagnosen zu ihrer Verfügung.

Alleine zwischen 2000 und 2013 hat die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung 158 neue „Störungen“ zur offiziellen Liste hinzugefügt.2

Auf der einen Seite sollte man also denken, dass geistige Krankheiten von solchen Klassifizierungssystemen rein objektiv ‚beschrieben‘ werden. Mit anderen Worten: geistige Krankheiten existieren als Entitäten ganz  unabhängig von jeder Gliederung und Aufteilung, losgelöst von allen Theorien oder Normen, ähnlich wie natürliche Objekte in der Welt, die von unserer Anschauung nicht im geringsten tangiert werden.

Und auf der anderen Seite scheint es zwar einen Zusammenhang zwischen diesen Krankheiten und der Außenwelt zu geben, aber die Frage der Gesundheit betrifft dann trotzdem an erster Stelle uns selbst, unseren Geist, unser innerstes Selbst. Wenn es um Gesundheit geht, können und sollen wir dann trotzdem von der Welt absehen und unseren Blick alleine auf den Ort der Erscheinung von ‚Krankheitszeichen‘, auf unser Innenleben einschränken.

Und für diese geistige Gesundheit gibt es heute über 300 sogenannte wissenschaftliche Psychotherapieformen.3 Wissenschaftliche Psychotherapien sind Therapien, die unsere persönlichen geistigen Probleme mit größtmöglicher Wirksamkeit und Kosteneffizienz lösen, damit wir wieder zu störungsfreien Mitbürgern und Mitarbeitern werden.

Was auch immer Wissenschaft hier heißt, der psychologische Schlüsselreiz der alleine vom Wort „Wissenschaft“ ausgeht dürfte schwer zu überschätzen sein. Denn das Ertönen des Wortes „Wissenschaft“ schließt in der Regel jedes weitere Nachdenken aus und ersetzt es mit dem ehrfürchtigen Gefühl, dass alles in bester Ordnung ist.

Wie aber sehen diese wissenschaftlichen Rettungsmittel aus?

Im Prinzip ist eine Psychotherapie dann wissenschaftlich, wenn sie bei wohl normierten Versuchen und anhand von sehr kurzen Serien von therapeutischen Interventionen nachweisen kann, dass eine beobachtbare ‘Verbesserung’ eines ungünstigen Ausgangszustandes stattfindet. Beobachtbar ist diese Verbesserung allermeistens aber nur vom subjektiven Empfinden des Probanden selbst, nicht von der die Messung ausführenden ‚Wissenschaftlern‘.

Da diese subjektiven Änderungen immer gleich mehrere Erklärungen zulassen könnten (wie sollte man, z.B. den Impakt der Gefälligkeit oder Gehorsamkeit gegenüber Autoritäten in solchen Konfigurationen überzeugend ausschließen), da diese Subjektivität der von Probanden selbst-berichteten Befunde also prinzipiell nie eindeutig ist, werden die wissenschaftlichen Ansprüche schon alleine beim Vermessen von Wirkungen aufs empfindlichste strapaziert.

Abhilfe sollen hier quantifizierte Einschätzungen von numerischen Leidens-Skalen und Fragebogen schaffen. Dadurch, dass die berichteten Empfindungen in Ziffern übersetzt werden und die subjektive Variabilität auf standardisierte, vorformulierte Antworten eingedämmt werden, soll dort Objektivität geschaffen werden wo zur Subjektivität der Befunde eigentlich noch künstliche Übersetzungsprobleme und gezwungene Angleichungen hinzukommen.  

Wie dem auch sei begrenzt sich Wissenschaft hier auf eine Technik der Vorher-Nachher-Messungen eines subjektiven Empfindens von speziell für diesen Zweck auserlesenen Probanden.

Die wissenschaftlichkeit einer Psychotherapie entsteht aus einer standardisierten Prozedur, die Vergleiche zwischen den verschiedensten Psychotechniken im Hinblick auf beobachtbare Änderung erlaubt. Sie ist eine Technik des Inventars quantifizierter und durch kurzzeitige Anwendungen von Psychotechniken hervorgebrachter Veränderungen, die sich statistisch abzählen und darstellen lassen. Anders gesagt: Wissenschaft ist hier eine Technik, die den Erfolg von Techniken bemisst.

Die Tatsache, dass Wissenschaft einmal dadurch definiert wurde, dass sie sich um Erklärungen bemühte, dass sie Erklärungshypothesen und Modelle konstruierte und Wissen durch das Erkennen und Erstellen von kausalen Zusammenhängen erweiterte oder in Frage stellte, scheint in diesem Zusammenhang längst vergessen. In der wissenschaftlichen Psychotherapie wurde Wissenschaft auf statistische Qualitätssicherung umfunktioniert.

Mit dieser Umwandlung geht die neue ‚Wissenschaft‘ der Psychotherapie noch einen entscheidenden Schritt weiter als jeder bisher bekannte Positivismus. Selbst der härteste der modernen Positivismen, der Sensualismus, begnügte sich nie mit der Aufzählung einfacher Sinneseindrücke. Auch hier galt das Beobachtbare stets nur im Hinblick auf ein Wissen, das über das feststellende Wissen-dass hinaus auf ein Wissen-warum abzielt. Wissenschaft hebt zwar mit der Beobachtung an, begrenzt sich aber nie auf die Beobachtung. 

Die Gründe weshalb dieser neue Positivismus eine nicht-theoretische und sogar anti-theoretische Richtung annahm können nur erraten werden, da er zwar von allen neuen Psychotherapiewissenschaftlern übernommen, aber nie ausformuliert oder sogar reflektiert wurde.

Fadenscheinige Argumente von der Art, dass Theorien eigentlich immer nur verkappte oder versteckte Ideologien sind, und Ideologien in der Wissenschaft keinen Platz haben sind bestenfalls zirkulär. Auch erklären sie in keiner Weise weshalb Wissenschaft gerade das Wissen einer blinden, technischen Effizienz opfern sollte.  

Die Konsequenzen dieser Umwandlung der Wissenschaft in inhaltslose Wirkungsinventare sind leichter zu fassen. Als Qualitätskontrolle der Wirksamkeit verschiedener Therapie-Techniken, kann die Wissenschaft sowohl von der Art des Eingriffs wie von seiner spezifischen Wirkungsweise absehen. Als Techniken werden Psychotherapien also beliebig.

Daher finden sich im Katalog der wissenschaftlichen Psychotherapien die denkbar unterschiedlichsten Methoden in perfekter wissenschaftlicher Gleichgültigkeit. Denn wenn es ums Funktionieren geht, sind alle therapeutischen Methoden selbst nur noch beliebige Mittel zu einem einzigen, vorbestimmten Zweck. Und nur das Erreichen dieses einen Zwecks bestimmt den Sinn der aufgebrachten Mittel.

Von der Denkfehler-Therapie zur konzentrierten Gedankenlosigkeit der Achtsamkeitstherapie, von der Verhaltenskorrigierung zur Akzeptanz- und Verpflichtungstherapie, von der progressiven Muskelentspannung zur Joggingtherapie, ja sogar von der altmodischen Psychoanalyse hin bis zur postmodernen narrativen Therapie kann alles was eine Veränderung unter kontrollierten Bedingungen nachzeigen als wissenschaftlich gelten. Und was wissenschaftlich ist hilft, immer, in allen Situationen und Lebenslagen und bei jedem.

Selbstverständlich ist unter diesen Voraussetzungen auch das Beten hilfreich. Francis Galton, der Vater der « wissenschaftlichen Verbesserung der Rasse », der Eugenik, hat die therapeutische Wirksamkeit des Betens schon 1872 nach neuesten wissenschaftlichen Methoden statistisch nachgewiesen. Und 2016 wurde diese Wirksamkeit nochmals von sehr seriösen Wissenschaftlern in einer Metastudie bestätigt.4 Empirisch fundierte, wissenschaftliche Bettherapie? Kein Problem.

Im Bereich des Geistes, im Bereich der geistigen Gesundheit ist alles was hilft Wissenschaft. Und umgekehrt: nur Wissenschaft bringt Hilfe, nur Wissenschaft behebt die Störungen des Funktionierens. Und sie tut das auch noch bei größtmöglicher Kosteneffizienz. Wissenschaft – das wäre eine zweite wichtige Qualität – spart Geld! Denn wer immer gut funktioniert ist weniger krank und kostet deshalb auch weniger. 

Die Patienten, so formulieren es die psychotherapeutischen Experten, verdienen die besten Heilungsmittel die der Markt bietet. Und in der Tat funktionieren diese Psychotherapien nach denselben rationalen Qualitäts- und Effizienzkriterien, die auch den Markt selbst bestimmen. Gut funktionierende Therapiemittel zur Herstellung der gut funktionierenden Menschen auf dem Markt. Somit dürfte die psychotherapeutische Wissenschaft selbst noch den Markt gesünder gestalten, indem sie jeden Betrug und jede Hochstapelei als marktaugliche Ineffizienz auslotet.

Damit können wir jetzt das Menschenbild der wissenschaftlich-kosteneffizienten Psychotherapie nachzeichnen. Und dieses Menschenbild hat selbstverständlich seinen wohlgeordneten Platz in der prästabilierten Harmonie des Marktes: ein gesunder Mensch ist ein effizienter Mensch; ein Mensch, der ohne Störung funktioniert. Ein gesunder Mensch ist ein Mensch, der dienstfähig und rüstig Mehrwert schafft, seine Steuern zahlt und weder den Staat noch den Arbeitgeber zu viel Krankengeld kostet.

Aber selbst die Weltgesundheitsorganisation zeigt sich nicht immer so neoliberal. Im Kontext von Fragen der Menschenrechte vermag auch die Weltgesundheitsorganisation einen deutlich differenzierteren Blickwinkel auszudrücken.

Im Handbuch zur psychischen Gesundheit liest man zum Beispiel, dass „die Definition der psychischen Störungen von einer Mehrzahl von Faktoren abhängt“.5 Und unter diesen Faktoren zählt die WGO unter anderen „soziale, kulturelle, wirtschaftliche und juristische Kontexte in verschiedenen Gesellschaften“ auf.

Weit entfernt davon ein medizinisches oder naturwissenschaftliches Faktum zu sein, erscheint der Begriff der psychischen Gesundheit, und damit auch der Begriff der psychischen Störungen hier als ein komplexes Konglomerat aus unterschiedlichen Mischverhältnissen, in denen die Wissenschaft ein möglicher Faktor unter vielen ist.

Weitergehend weist du WGO auch darauf hin, dass zahlreiche „Konsumentenorganisationen“ selbst die Fachausdrücke der „psychischen Krankheit“ oder des „psychischen Patienten“ infrage stellen, da diese das „medizinische“ Modell der Störungen begünstigen.

Und sogar der gewollt neutrale Begriffsersatz der „psychischen Störung“ scheint selbst der WGO alles andre als klar. Insofern die „psychische Störung“ unter einem einzigen Begriff so verschiedenes bezeichnen soll wie „geistige Krankheit“, „Retardierung“, „Persönlichkeitsstörungen“ und „Drogensucht“ erweist sie sich als so unscharf, dass sich nirgends mehr ein gemeinsamer Nenner ausmachen lässt. Damit fällt aber dann sowohl die wissenschaftliche Reliabilität als die empirische Validität des Begriffs.

2001 schon warnte die Weltgesundheitsorganisation in Zusammenarbeit mit der Oxford University und der Weltbank, dass 25% der Weltbevölkerung, also jeder vierte Erdenbewohner, Probleme mit der geistigen Gesundheit habe. Tendenz steigend.

Dass diese erschreckende Prävalenz der Geisteskrankheiten – oder politisch korrekter: der geistigen Störungen – irgendwie in Verbindung mit sozioökonomischen Faktoren und Katastrophen steht, wird zwar im Weltbericht erwähnt aber nicht weiter kommentiert. Nicht kommentiert und nicht einmal erwähnt wird die vielleicht auch nicht nebensächliche Tatsache, dass seit 1952 ganze 413 „psychischen Störungen“ hinzugekommen sind.

Hatten ein Psychiater oder ein Psychologe vor 60 Jahren die Möglchkeit eine Person auf 128 Weisen als „krank“ oder „gestört“ einzustufen, so haben dieselben seit 2013 beeindruckende 541 mögliche Diagnosen zu ihrer Verfügung.

Alleine zwischen 2000 und 2013 hat die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung 158 neue „Störungen“ zur offiziellen Liste hinzugefügt.6

Auf der einen Seite sollte man also denken, dass geistige Krankheiten von solchen Klassifizierungssystemen rein objektiv ‚beschrieben‘ werden. Mit anderen Worten: geistige Krankheiten existieren als Entitäten ganz  unabhängig von jeder Gliederung und Aufteilung, losgelöst von allen Theorien oder Normen, ähnlich wie natürliche Objekte in der Welt, die von unserer Anschauung nicht im geringsten tangiert werden.

Und auf der anderen Seite scheint es zwar einen Zusammenhang zwischen diesen Krankheiten und der Außenwelt zu geben, aber die Frage der Gesundheit betrifft dann trotzdem an erster Stelle uns selbst, unseren Geist, unser innerstes Selbst. Wenn es um Gesundheit geht, können und sollen wir dann trotzdem von der Welt absehen und unseren Blick alleine auf den Ort der Erscheinung von ‚Krankheitszeichen‘, auf unser Innenleben einschränken.

Und für diese geistige Gesundheit gibt es heute über 300 sogenannte wissenschaftliche Psychotherapieformen.7 Wissenschaftliche Psychotherapien sind Therapien, die unsere persönlichen geistigen Probleme mit größtmöglicher Wirksamkeit und Kosteneffizienz lösen, damit wir wieder zu störungsfreien Mitbürgern und Mitarbeitern werden.

Was auch immer Wissenschaft hier heißt, der psychologische Schlüsselreiz der alleine vom Wort „Wissenschaft“ ausgeht dürfte schwer zu überschätzen sein. Denn das Ertönen des Wortes „Wissenschaft“ schließt in der Regel jedes weitere Nachdenken aus und ersetzt es mit dem ehrfürchtigen Gefühl, dass alles in bester Ordnung ist.

Wie aber sehen diese wissenschaftlichen Rettungsmittel aus?

Im Prinzip ist eine Psychotherapie dann wissenschaftlich, wenn sie bei wohl normierten Versuchen und anhand von sehr kurzen Serien von therapeutischen Interventionen nachweisen kann, dass eine beobachtbare ‘Verbesserung’ eines ungünstigen Ausgangszustandes stattfindet. Beobachtbar ist diese Verbesserung allermeistens aber nur vom subjektiven Empfinden des Probanden selbst, nicht von der die Messung ausführenden ‚Wissenschaftlern‘.

Da diese subjektiven Änderungen immer gleich mehrere Erklärungen zulassen könnten (wie sollte man, z.B. den Impakt der Gefälligkeit oder Gehorsamkeit gegenüber Autoritäten in solchen Konfigurationen überzeugend ausschließen), da diese Subjektivität der von Probanden selbst-berichteten Befunde also prinzipiell nie eindeutig ist, werden die wissenschaftlichen Ansprüche schon alleine beim Vermessen von Wirkungen aufs empfindlichste strapaziert.

Abhilfe sollen hier quantifizierte Einschätzungen von numerischen Leidens-Skalen und Fragebogen schaffen. Dadurch, dass die berichteten Empfindungen in Ziffern übersetzt werden und die subjektive Variabilität auf standardisierte, vorformulierte Antworten eingedämmt werden, soll dort Objektivität geschaffen werden wo zur Subjektivität der Befunde eigentlich noch künstliche Übersetzungsprobleme und gezwungene Angleichungen hinzukommen.  

Wie dem auch sei begrenzt sich Wissenschaft hier auf eine Technik der Vorher-/Nachher-Messungen eines subjektiven Empfindens von speziell für diesen Zweck auserlesenen Probanden.

Die wissenschaftlichkeit einer Psychotherapie entsteht aus einer standardisierten Prozedur, die Vergleiche zwischen den verschiedensten Psychotechniken im Hinblick auf beobachtbare Änderung erlaubt. Sie ist eine Technik des Inventars quantifizierter und durch kurzzeitige Anwendungen von Psychotechniken hervorgebrachter Veränderungen, die sich statistisch abzählen und darstellen lassen. Anders gesagt: Wissenschaft ist hier eine Technik, die den Erfolg von Techniken bemisst.

Die Tatsache, dass Wissenschaft einmal dadurch definiert wurde, dass sie sich um Erklärungen bemühte, dass sie Erklärungshypothesen und Modelle konstruierte und Wissen durch das Erkennen und Erstellen von kausalen Zusammenhängen erweiterte oder in Frage stellte, scheint in diesem Zusammenhang längst vergessen. In der wissenschaftlichen Psychotherapie wurde Wissenschaft auf statistische Qualitätssicherung umfunktioniert.

Mit dieser Umwandlung geht die neue ‚Wissenschaft‘ der Psychotherapie noch einen entscheidenden Schritt weiter als jeder bisher bekannte Positivismus. Selbst der härteste der modernen Positivismen, der Sensualismus, begnügte sich nie mit der Aufzählung einfacher Sinneseindrücke. Auch hier galt das Beobachtbare stets nur im Hinblick auf ein Wissen, das über das feststellende Wissen-dass hinaus auf ein Wissen-warum abzielt. Wissenschaft hebt zwar mit der Beobachtung an, begrenzt sich aber nie auf die Beobachtung. 

Die Gründe weshalb dieser neue Positivismus eine nicht-theoretische und sogar anti-theoretische Richtung annahm können nur erraten werden, da er zwar von allen neuen Psychotherapiewissenschaftlern übernommen, aber nie ausformuliert oder sogar reflektiert wurde.

Fadenscheinige Argumente von der Art, dass Theorien eigentlich immer nur verkappte oder versteckte Ideologien sind, und Ideologien in der Wissenschaft keinen Platz haben sind bestenfalls zirkulär. Auch erklären sie in keiner Weise weshalb Wissenschaft gerade das Wissen einer blinden, technischen Effizienz opfern sollte.  

Die Konsequenzen dieser Umwandlung der Wissenschaft in inhaltslose Wirkungsinventare sind leichter zu fassen. Als Qualitätskontrolle der Wirksamkeit verschiedener Therapie-Techniken, kann die Wissenschaft sowohl von der Art des Eingriffs wie von seiner spezifischen Wirkungsweise absehen. Als Techniken werden Psychotherapien also beliebig.

Daher finden sich im Katalog der wissenschaftlichen Psychotherapien die denkbar unterschiedlichsten Methoden in perfekter wissenschaftlicher Gleichgültigkeit. Denn wenn es ums Funktionieren geht, sind alle therapeutischen Methoden selbst nur noch beliebige Mittel zu einem einzigen, vorbestimmten Zweck. Und nur das Erreichen dieses einen Zwecks bestimmt den Sinn der aufgebrachten Mittel.

Von der Denkfehler-Therapie zur konzentrierten Gedankenlosigkeit der Achtsamkeitstherapie, von der Verhaltenskorrigierung zur Akzeptanz- und Verpflichtungstherapie, von der progressiven Muskelentspannung zur Joggingtherapie, ja sogar von der altmodischen Psychoanalyse hin bis zur postmodernen narrativen Therapie kann alles was eine Veränderung unter kontrollierten Bedingungen nachzeigen als wissenschaftlich gelten. Und was wissenschaftlich ist hilft; immer, in allen Situationen und Lebenslagen und bei jedem.

Selbstverständlich ist unter diesen Voraussetzungen auch das Beten hilfreich. Francis Galton, der Vater der « wissenschaftlichen Verbesserung der Rasse », der Eugenik, hat die therapeutische Wirksamkeit des Betens schon 1872 nach neuesten wissenschaftlichen Methoden statistisch nachgewiesen. Und 2016 wurde diese Wirksamkeit nochmals von sehr seriösen Wissenschaftlern in einer Metastudie bestätigt.8 Empirisch fundierte, wissenschaftliche Bettherapie? Kein Problem.

Im Bereich des Geistes, im Bereich der geistigen Gesundheit ist alles was hilft Wissenschaft. Und umgekehrt: nur Wissenschaft bringt Hilfe, nur Wissenschaft behebt die Störungen des Funktionierens. Und sie tut das auch noch bei größtmöglicher Kosteneffizienz. Wissenschaft – das wäre eine zweite wichtige Qualität – spart Geld! Denn wer immer gut funktioniert ist weniger krank und kostet deshalb auch weniger. 

Die Patienten, so formulieren es die psychotherapeutischen Experten, verdienen die besten Heilungsmittel die der Markt bietet. Und in der Tat funktionieren diese Psychotherapien nach denselben rationalen Qualitäts- und Effizienzkriterien, die auch den Markt selbst bestimmen. Gut funktionierende Therapiemittel zur Herstellung der gut funktionierenden Menschen auf dem Markt. Somit dürfte die psychotherapeutische Wissenschaft selbst noch den Markt gesünder gestalten, indem sie jeden Betrug und jede Hochstapelei als marktaugliche Ineffizienz auslotet.

Damit können wir jetzt das Menschenbild der wissenschaftlich-kosteneffizienten Psychotherapie nachzeichnen. Und dieses Menschenbild hat selbstverständlich seinen wohlgeordneten Platz in der prästabilierten Harmonie des Marktes: ein gesunder Mensch ist ein effizienter Mensch; ein Mensch, der ohne Störung funktioniert. Ein gesunder Mensch ist ein Mensch, der dienstfähig und rüstig Mehrwert schafft, seine Steuern zahlt und weder den Staat noch den Arbeitgeber zu viel Krankengeld kostet.

Aber selbst die Weltgesundheitsorganisation zeigt sich nicht immer so neoliberal. Im Kontext von Fragen der Menschenrechte vermag auch die Weltgesundheitsorganisation einen deutlich differenzierteren Blickwinkel auszudrücken.

Im Handbuch zur psychischen Gesundheit liest man zum Beispiel, dass „die Definition der psychischen Störungen von einer Mehrzahl von Faktoren abhängt“.9 Und unter diesen Faktoren zählt die WGO unter anderen „soziale, kulturelle, wirtschaftliche und juristische Kontexte in verschiedenen Gesellschaften“ auf.

Weit entfernt davon ein medizinisches oder naturwissenschaftliches Faktum zu sein, erscheint der Begriff der psychischen Gesundheit, und damit auch der Begriff der psychischen Störungen hier als ein komplexes Konglomerat aus unterschiedlichen Mischverhältnissen, in denen die Wissenschaft ein möglicher Faktor unter vielen ist.

Weitergehend weist du WGO auch darauf hin, dass zahlreiche „Konsumentenorganisationen“ selbst die Fachausdrücke der „psychischen Krankheit“ oder des „psychischen Patienten“ infrage stellen, da diese das „medizinische“ Modell der Störungen begünstigen.

Und sogar der gewollt neutrale Begriffsersatz der „psychischen Störung“ scheint selbst der WGO alles andre als klar. Insofern die „psychische Störung“ unter einem einzigen Begriff so verschiedenes bezeichnen soll wie „geistige Krankheit“, „Retardierung“, „Persönlichkeitsstörungen“ und „Drogensucht“ erweist sie sich als so unscharf, dass sich nirgends mehr ein gemeinsamer Nenner ausmachen lässt. Damit fällt aber dann sowohl die wissenschaftliche Reliabilität als die empirische Validität des Begriffs.

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  1. Illich, I. (1999). L’obsession de la santé parfaite. Abgerufen 22. Februar 2019, von https://www.monde-diplomatique.fr/1999/03/ILLICH/2855
  2. Roger K. Blashfield u. a., „The Cycle of Classification: DSM-I Through DSM-5“, Annual Review of Clinical Psychology 10, Nr. 1 (28. März 2014): 25–51.
  3. Kazdin, A.  (2016, June 09). Evidence-Based Psychotherapies. Oxford Research Encyclopedia of Psychology.
  4. S. Simão, T., Caldeira, S., & de Carvalho, E. (2016). The effect of prayer on patients’ health: systematic literature review. Religions, 7(1), 11.
  5. Freeman, M., Pathare, S., & World Health Organization (Hrsg.). (2005). WHO resource book on mental health, human rights and legislation. Geneva: World Health Organization, S. 20.
  6. Roger K. Blashfield u. a., „The Cycle of Classification: DSM-I Through DSM-5“, Annual Review of Clinical Psychology 10, Nr. 1 (28. März 2014): 25–51.
  7. Kazdin, A.  (2016, June 09). Evidence-Based Psychotherapies. Oxford Research Encyclopedia of Psychology.
  8. S. Simão, T., Caldeira, S., & de Carvalho, E. (2016). The effect of prayer on patients’ health: systematic literature review. Religions, 7(1), 11.
  9. Freeman, M., Pathare, S., & World Health Organization (Hrsg.). (2005). WHO resource book on mental health, human rights and legislation. Geneva: World Health Organization, S. 20.

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